Die Schweiz hat ein Problem: Mit 1.3 Kindern pro Frau liegt ihre Geburtenrate deutlich unter dem europäischen Durchschnitt, und mit 31.2 Jahren gehören Schweizer Erstgebärende zu den ältesten überhaupt. Die Zahl der Arbeitnehmer:innen, die aus dem Erwerbsleben ausscheiden, übersteigt bald die Zahl der jungen Menschen, die in den Arbeitsmarkt eintreten. Schätzungen zufolge werden bis 2040 431’000 Arbeitnehmende fehlen, was 8% der heutigen Erwerbsbevölkerung entspricht. Gleichzeitig können manche Menschen in der Schweiz die Familien, die sie sich wünschen, nicht realisieren, und Arbeitgeber:innen müssen sich auf negative Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt einstellen.

Fruchtbarkeitsbehandlungen in der Schweiz: Nur für wenige eine Option

Die Schweiz hat laut Schätzungen des European Atlas of Fertility Treatment Policies einen der restriktivsten Rechtsrahmen Europas, wenn es um Fruchtbarkeitsbehandlungen geht. Damit liegt sie in der EU/EFTA-Region an zweiter Stelle hinter Polen. So ist die Schweiz eines der wenigen Länder, in denen Eizellspenden illegal sind, obwohl es immerhin (langsam) einige legislative Fortschritte gibt. Alleinstehende Personen sind von der assistierten Reproduktionstechnologie ausgeschlossen. Darüber hinaus werden keine Aspekte der In-vitro-Fertilisation (IVF) von der obligatorischen Krankenversicherung oder durch öffentliche Mittel übernommen. Die Kosten für drei IVF-Zyklen können bis zu 55% des jährlichen verfügbaren Einkommens eines Schweizer Haushalts ausmachen, was den Zugang für Personen mit niedrigerem Einkommen effektiv einschränkt. Diese finanzielle Hürde, verbunden mit einem allgemeinen Mangel an grundlegender familiärer Unterstützung, wie chancengerechter Elternzeit und erschwinglicher Kinderbetreuung, erschwert eine proaktive Familienplanung zusätzlich.

Arbeitsnormen verzögern die Familienplanung

Die Schweizer Arbeitskultur bietet karriereorientierten Frauen Anreize, erst einmal wichtige Karriereschritte zu machen und Kinder dann erst später zu bekommen. Laut einer Umfrage des Schweizer Bundesamtes für Statistik erwarten 69% der Frauen mit Hochschulabschluss (und lediglich 40% der Männer), dass ein Kind negative Auswirkungen auf ihre Karriereaussichten haben wird. Typische Karriereverläufe folgen hierzulande noch immer einem klaren Zeitplan: Laut unserem einzigartigen Datensatz, der anonymisierte Personaldaten von 370’000 Angestellten in 90 öffentlichen und privaten Schweizer Organisationen enthält, geht fast die Hälfte aller Beförderungen an Beschäftigte im Alter von 31 bis 40 Jahren. Die Botschaft ist klar: Die «Family Primetime» ist gleichzeitig die beste Zeitspanne, um die eigene Karriere voranzutreiben.

Die Verteilung unbezahlter (Betreuungs-)Arbeit verschärft die Geburtenkrise in der Schweiz zusätzlich: In 56% der Haushalte übernehmen Mütter den Löwinnenanteil der Betreuungsarbeit, aber nur 3% der Väter. Nur 18% der Mütter mit Kindern unter 12 Jahren arbeiten Vollzeit, bei den Vätern sind es 79%. Laut unseren Daten ist Teilzeitarbeit in der Schweiz nach wie vor ein Karrierekiller. Arbeitnehmer:innen, die weniger als 80% arbeiten, machen 12% aller Angestellten aus, aber ihr Anteil an Beförderungen liegt bei nur 5%. Das Mindset, dass Frauen sich eigentlich immer noch zwischen Kinderkriegen und Karriere entscheiden müssen, wirkt sich negativ auf eine frühe Familiengründung aus. Aus medizinischer Sicht wäre jedoch genau das sinnvoll.

Die soziopolitische Kultur der Schweiz behindert den Fortschritt

Erschwerend kommt hinzu, dass tief verwurzelte kulturelle Normen in der Schweiz einer unbeschwerten Familienplanung im Wege stehen. Unfruchtbarkeit ist für viele Menschen ein Tabuthema, das mit Scham und Stigmatisierung verbunden ist. Die Schweiz ist damit kein Einzelfall: In einer Umfrage unter 1’564 Erwachsenen in Deutschland gaben 46% an, offen über Sex zu sprechen, aber nur 37% würden genauso unbeschwert über Fruchtbarkeitsprobleme sprechen.

Die Kultur in der Schweiz macht es jedoch besonders schwierig, das Stigma der Unfruchtbarkeit zu überwinden: Wissenschaftler:innen betonen die Kultur der Diskretion in der Schweiz, in der die Menschen es vorziehen, schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit zu waschen. Das politische System in der Schweiz nutzt Instrumente der direkten Demokratie, mit denen die Bürger:innen die Regierung stärker beeinflussen können. Dies zeigt eine vorsichtige Haltung gegenüber staatlichen Entscheiden. Da die Schweiz ein konsensbasiertes Modell verwendet, dauern grössere politische Veränderungen in der Regel lange.

Mehrere Akteur:innen tragen zur Lösung bei

«Swissness», geprägt von einer Kultur der Diskretion, der vorsichtigen Entscheidungsfindung und der Erwartung individueller Selbstverwaltung, hat die Art und Weise, wie die Schweiz Familienplanung angeht, stark beeinflusst und einzigartige Hindernisse geschaffen. Auch wenn diese Werte zur sozialen und politischen Stabilität beigetragen haben, erfordert der Wandel Lösungen, die von mehreren Akteur:innen getragen werden. Die Regierung muss der Gesetzgebung Priorität einräumen und beispielsweise dafür sorgen, dass Hilfe durch künstliche Reproduktion für alle erschwinglich wird. Angestellte müssen von ihren Arbeitgeber:innen bei der Familien- und Karriereplanung unterstützt werden. Das Narrativ rund um die (Un-)Fruchtbarkeit kann von Individuen so verändert werden, dass es zu einem offen diskutierten Gesprächsthema gemacht wird, anstatt dass es als schändliches Geheimnis zu betrachten. Durch eine Weiterentwicklung der «Swissness», die einen offenen Dialog und eine stärkere Unterstützung für Familien einschliesst, kann die Schweiz ihrem Charakter treu bleiben und es den Menschen erleichtern, das Leben und die Familie aufzubauen, die sie sich wünschen.

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Link: https://www.diversity-inclusion-platform.ch/haette-ich-nur-bescheid-gewusst-familienplanung-und-fertilitaet-in-der-schweiz/

Dieser Text widerspiegelt die Auffassung der Autorin/des Autors und nicht der HSG.

Über die Autorin / den Autor

norakeller

PhD Nora Keller Senior Research Associate

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