Was die Regulierung sozialer Medien mit Transformation zu tun hat

In ganz Europa und darüber hinaus diskutieren Regierungen über Beschränkungen für die Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche. Die Logik dahinter ist klar: Viele Plattformen sind so gestaltet, dass sie abhängig machen können. Junge Gehirne sind besonders empfänglich für Verstärkungsschleifen, die auf Neuheit, Belohnung und sozialer Bestätigung beruhen. Unabhängig davon, wie die regulatorischen Entscheidungen ausfallen, macht diese Debatte eine Erkenntnis sichtbar, die weit über Technologiepolitik hinausreicht.

Organisatorische Routinen lassen sich als kollektive Gewohnheiten beschreiben. Es sind Gewohnheiten, die schwer zu verändern sind und die organisatorischen Widerstand gegen Veränderung bis zu einem gewissen Grad erklären. Die Neurowissenschaft zeigt, dass Gewohnheiten und bestimmte Verhaltenssüchte auf überlappenden neuronalen und lernbezogenen Mechanismen beruhen. Durch Wiederholung verschiebt sich das Verhalten von bewussten Entscheidungen hin zu durch Auslöser gesteuerten Routinen, die auf Verlässlichkeit und die Reduktion von Unsicherheit optimiert sind. Sucht ist ein Extremfall, gekennzeichnet durch Schaden und Kontrollverlust, aber die zugrunde liegenden Lernsysteme sind verwandt.

Überschätzen wir die Kraft der Einsicht?

Das bedeutet nicht, dass Widerstand gegen Veränderung pathologisch ist. Es bedeutet etwas Einfacheres: Gewohnheiten bestehen, ähnlich wie Verhaltenssüchte, nicht deshalb fort, weil Menschen nicht wissen, dass sie sich verändern müssen oder weil sie stur sind. Sie bestehen fort, weil sie in der Vergangenheit zuverlässig Probleme gelöst, Unsicherheit reduziert und Ergebnisse geliefert haben.

Menschen dazu aufzufordern, Routinen zu verändern, bedeutet, sie dazu aufzufordern, Gewohnheiten abzulegen, bevor neue Verhaltensweisen vollständig vertrauenswürdig erscheinen. Die meisten Führungskräfte erkennen das intuitiv. Es spiegelt die Frustration wider, die in grossen Transformationen immer wieder sichtbar wird. Studien zeigen, dass trotz starkem Commitment der Führung sowie klarer und wiederholter Kommunikation 60 bis 70 Prozent der organisatorischen Veränderungsprogramme ihre Ziele nicht erreichen.

Vier Lehren für organisatorische Transformation

Aus dieser Perspektive bietet die Suchtforschung vier Lehren für organisatorische Veränderung.

Erstens: Einsicht allein reicht selten aus. Bewusstsein und Motivation führen nicht automatisch zu nachhaltiger Verhaltensänderung. Vision und Logik sind wichtig, aber Gewohnheiten lösen sich nicht auf, nur weil Menschen einer Strategie zustimmen.

Zweitens: Das Umfeld ist stärker als die Willenskraft. Die Veränderung des Kontexts, also Strukturen, Anreize, Prozesse, Messgrössen und soziale Signale, prägt Verhalten deutlich stärker als Appelle.

Drittens: Rückfall ist eine Information, kein Scheitern. Rückschläge liefern Hinweise auf Stressfaktoren oder fehlende Unterstützung. Wer Rückschritte als Widerstand behandelt, verspielt Lernchancen.

Viertens: Dauerhafte Veränderung betrifft oft die Identität und nicht nur das Verhalten. Wie die Arbeit von Herminia Ibarra zu Identitätsübergängen zeigt, durchlaufen Menschen einen Prozess des Experimentierens mit vorläufigen Identitäten, bevor sich eine neue Identität festigt. Wenn Veränderung jedoch als Verlust von Status oder Kompetenz erlebt wird, verhärtet sich der Widerstand. Wenn Menschen sich jedoch auf eine glaubwürdige neue Erzählung ihres Werts zubewegen können, entsteht Dynamik.

Von alten Routinen zu neuen Identitäten

Zusammengefasst: Organisatorische Veränderungen scheitern weniger daran, dass Menschen sie nicht verstehen, sondern vielmehr daran, dass Führungskräfte die Macht von Gewohnheiten möglicherweise unterschätzen. Veränderung gelingt, wenn Umfelder neu gestaltet werden, Rückschläge als Lernchancen behandelt werden und Menschen sich neue Identitäten erarbeiten können, statt sich lediglich von alten Routinen zu entfernen.

Über die Autorin / den Autor

Claudio Feser 360x360 1

Prof. hon. Claudio Feser Associate Dean Executive School

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